• Thomas Marti

Zeitknappheit im Schulalltag


Welche Geschichte erzählt ihre Zeit? Und welche Geschichten erzählt ihre Schulzeit? Wie geht es Ihnen? Gut, werden viele sagen, es geht mir gut, momentan habe ich aber viel und die Ohren, viel zu korrigieren oder viele Berichte zu schreiben. Diese Sitzung hier und diese Steuer- oder Projektgruppe da und eigentlich wollte ich wieder einmal etwas für mich tun und meine Kollegen und Kolleginnen habe ich lange nicht mehr getroffen. Und meine Familie ist auch noch da. Mit anderen Worten: Die Zeit ist knapp!


Inseln der Entspannung Etliche Studien weisen darauf hin, dass die Belastung in der Schule und am Arbeitsplatz zunehmen. Das Thema Gesundheit ist im Bildungsbereich und generell in der Arbeitswelt in aller Munde. Eine grosse Zahl von Artikeln ist zu diesem Thematik veröffentlicht worden. Beratungsbücher und Glücksratgeber helfen den Menschen darin, Kraft- und Zeitfresser zu lokalisieren. Workshops in Zeitmanagement unterstützen uns dabei, Einträge in der To-do-Liste zu priorisieren und den Tageszeitplan zu optimieren. Es werden Techniken angeboten, wie man sich in Pausen erholen und entspannen kann. Inseln der Entspannung werden immer wichtiger: Autogenes Training und Joggen über Mittag, Bewegungspausen und Entspannungsübungen. „Abschalt- Techniken“ erleichtern den nahtlosen Übergang in die Freizeit und wer entsprechende Trainingsprogramme durchläuft, dem gelingt es, sein Leben zu managen und es geht ihm gut. Wir müssen unsere Resilienz und die der Lernenden stärken. Trotzdem nimmt die Belastung von Jahr zu Jahr weiterhin zu und die Zeit wird noch knapper.


Schneller und knapper Warum das? In einer individualisierten Gesellschaft ohne ethischen Horizont wird man dazu tendieren, als Antwort zu sagen: Mann und Frau, Lehrer und Lehrerinnen, haben ihre Alltagshandlungen nicht effizient organisiert. Ihr Zeitmanagement lässt zu wünschen übrig und ihre Work-Life-Balance ist nicht ausgeglichen. Erfolg und Misserfolg werden dabei individualisiert: Jeder ist selber schuld, wenn er es nicht schafft. Die viel unangenehmere und ernüchternde Antwort wird oft unter den Teppich gekehrt: Die Steigerungslogik moderner Gesellschaften führt dazu, dass Menschen auch nächstes Jahr, trotz aller Effizienzsteigerung und Optimierung, noch einmal schneller sein müssen. Versinnbildlicht wird dieser Prozess mit dem Bild des Hamsterrades. Wir werden zwar immer schneller, effizienter und besser, kommen aber trotzdem nirgendwo hin.

Die Eskalationslogik des Jetzt führt auch im Schulalltag zu einem Problem auf der temporalen Ebene. Optionen, Güter, Ausstattung, Ziele und Kontakte lassen sich grenzenlos vermehren. Und die Zeit? Die Zeit lässt sich in keiner Art und Weise vermehren, sie lässt sich aber verdichten. Mit den Folgen, dass sie einerseits schneller vergeht und andererseits knapper wird. Kommt Ihnen das bekannt vor?


Tetrisierung des Alltages Erinnern Sie sich noch an das Tetris-Spiel? Dasjenige, was mit uns in der Zeitdimension passiert ist vergleichbar mit diesem Spiel. Am Anfang haben wir einen reinen und sauberen Grund. Es gelingt uns zu Beginn gut, die von oben fallenden Steine in die richtige Ordnung zu bringen. Der Takt mit dem die Bausteine fallen ist gemächlich. Es fallen aber immer mehr Steine in Mal zu Mal kürzeren Abständen und das Einordnen wird zunehmend schwieriger; immer weniger gelingt das Vorhaben, Ordnung zu schaffen und immer höher wird die Wand durch nicht optimal eingepasste Steine, bis wir komplett die Übersicht verloren haben und aufgeben müssen: Game over. In der Zeitdimension entsteht in dem Augenblick ein Problem, an dem der erste Stein nicht mehr passgenau ist. Genau von diesem Zeitpunkt an ist das Einordnen nicht mehr mit dem Erscheinen synchronisiert und das schnellere System gewinnt (vgl. Abb. 1).


Abb. 1: Tetrisierung des Alltages

Erste Dringlichkeiten Solange es Lehrpersonen im Schulalltag gelingt, alle Zeitsequenzen genau in den Tagesablauf einzupassen, bewegen wir uns in einer fliessenden Zeit. Erste Dringlichkeiten der Zeit sind vorhanden, wenn Zeitsequenzen in die zweite, dritte oder vierte Ebene gestapelt werden müssen; denn in diesem Augenblick wird die Zeit knapp und wir borgen uns Zeit. Wer kennt diese Situation nicht, wenn gleichzeitig mehrere Aufgaben oder Anforderungen bearbeitet werden müssen und dann in diese Knappheit noch ein Elterngespräch eingebaut werden soll. Die To-do-Liste der zeitlichen Synchronisierung wird länger und sie hat die Tendenz, dass sie weder am Ende eines Arbeitstages, der Arbeitswoche, noch am Ende der Lebensspanne abgetragen werden kann.


Der Möglichkeitshorizont nimmt zu Der Möglichkeits- und Pflichthorizont im Schulalltag nimmt zu: ein neuer Lehrplan, neue Unterrichtsformen, eine zunehmende Digitalisierung und dazu die Forderung im Leitbild, sich kontinuierlich und fortwährend fortzubilden und zu entwickeln. Und wer kennt sie nicht, die „Erfahrung, die in der Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet“ (Richard Sennett). Ein Burn-out setzt diesem Prozess bei vielen Menschen notfallmässig ein jähes Ende


Mitten in der Zeit Zeitlichkeit ist ein Schlüsselbegriff, der einen einwandfreien Ablauf von Bildung und Schule erlaubt. Bildung ist eine Verschränkung von Zeigen und Lernen und damit eine Frage der Synchronisation. Eine Lektionsdauer von 45 oder 50 Minuten oder eine Prüfung über 45 Minuten repräsentieren nur eine Dimension der Synchronisation von Zeitlichkeit. Berdelmann unterscheidet vier Dimensionen. Diese vier Dimensionen spannen "den zeitlichen Raum des Zeigen und Lernens“ (Berdelmann, 2010) auf. Jeder Schüler und jede Schülerin befinden sich in ihrem Jetzt jeweils an einem anderen Ort. Die vier Dimensionen sind:

a)  Abfolge als zeitliche Reihenfolge (Wann wird etwas thematisiert)

b)  Zeitliche Ausdehnung (Wie lange dauert etwas?)

c)  Geschwindigkeit (Mit welchem Tempo?)

d)  Inhaltsbezug (Etwas Neues oder eine Wiederholung?)


Diese vier Dimensionen beschreiben den Synchronisationszustand eines jeden Bildungsprozesses. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass Synchronisation dem Sollwert entspricht und Asynchronisation einem negativen Ist-Wert zeigt. Lernen als tendenziell unverfügbare Folge von Zeigen entspricht eher einem freien Schwingen in einer konstruktiven Zone zwischen vollständiger Synchronisation und vollständiger Asynchronisation. Mit zunehmender oder abnehmender Übereinstimmung nimmt aber auch die Gefahr der Zeitknappheit zu (vgl. Abb. 2)


Abb. 2: Zeitliche Dynamik. Zeitknappheit in der zeitlichen Dynamik des Lernens (Quelle: Berdelmann, 2010; Erweiterungen: Thomas Marti).

Lehrpersonen sind nicht Betrachter dieses Zustandes, Lehrpersonen befinden sich mitten drin in der Zeit und sie sind gleichzeitig durch ihre Unterrichtsgestaltung und -planung auch Designer und Designerinnen von Zeit. Man könnte auch sagen: sie sind doppelt betroffen von der Zeitknappheit (vgl. Abb. 3).


Abb. 3: Doppelte Betroffenheit. Bildung als Ereignis in der Zeit und Gestalterin von Zeit (Grafik: Thomas Marti).

Weniger Zeit haben, als man meint zu brauchen Mullainathan und Shafir haben mit ihren Forschungen deutlich gezeigt, wie Menschen unter den Bedingungen der Armut Handeln und Entscheidungen treffen. Dabei spielt es keine Rolle ob ein Mangel an Nahrung, Geld oder Zeit vorliegt. Sobald Menschen unter Zeitknappheit handeln vereinnahmt sie diese Situation derart, dass sie durch die Einschränkung der Wahlmöglichkeiten versuchen die Knappheit zu bewältigen.


In allen oben erwähnten Dimensionen besteht die Möglichkeit, dass Zeitknappheit auftritt oder durch die Lehrperson erzeugt wird. Der angesagte Test über das Umwandeln von Masseinheiten mag für einige Lernenden bereits den Zustand von Zeitknappheit hervorrufen; denn sie haben in der Zeitdimension den Eindruck, „weniger zu haben, als man meint zu brauchen“(Mullainathan/Shafir. 2013).


In diesem Beispiel lässt sich die Zeitknappheit mit dem Packen des Rucksack eines jeden Lernenden beschreiben. Die mit der Zeitknappheit einhergehende Überforderung führt dazu, dass der Rucksack kleiner wird. Der entsprechende Schüler kann nicht mehr alles, was er für den Test bräuchte in seinen Rucksack packen. Er muss einen Kompromiss eingehen, muss vielleicht entscheiden zwischen der Menge an Aufgaben, die er lösen will und dem genauen Lesen der Aufgaben. Die Grösse des Rucksackes lässt es aber nicht zu, dass er beides mitnimmt. Es sind nicht generell seine Fähigkeiten, die ihn am genauen lösen aller Aufgaben hindern, sondern die Zeitknappheit zwingt ihn dazu, generell auf einige Fähigkeiten zu verzichten. Derjenige Schüler oder diejenige Schülerin, die in dieser Situation nicht der Zeitknappheit unterworfen ist, hat einen viel grösseren Zeitrucksack zur Verfügung. Selbst wenn er alles, was er einpacken möchte hineinlegt, hat es im Rucksack noch unbenutzten Stauraum. Diese Reserven sind es, die es uns erlauben, im Alltag als Surfer aufzutreten. Mit genügend Reserven können wir einen Sturz auf einer Erfolgswelle besser verkraften. Wer jedoch keine genügenden oder gar keine Reserven aufweisen hat, fällt bei unerwarteten Schocks ins Wellental und wird zu Drifter. Hin und her geworfen durch die Wellen ist der Drifter der Zeitknappheit schonungslos ausgesetzt (vgl. Abb. 4).


Abb. 4: Surfer. Vom Surfer zum Drifter. Wenn der Alltag plötzlich von Zeitknappheit bestimmt wird (Grafik: Thomas Marti).


Kreditgeber und Kreditnehmer In Situationen der Zeitknappheit leiht man sich Zeit. Und das tun auch Lehrpersonen. Sie nehmen einen Zeitkredit auf, um eine akute Knappheit im Jetzt zu beheben; denn es gilt jetzt zu tun, was zu tun ist. Zeitknappheit erzeugt Dringlichkeit. Treffen dringendes und wichtiges aufeinander, gewinnt das schnellere, das heisst: das dringende. Wir verschieben eine Mail auf später und eine Aufgabe auf nächste Woche, verschieben eigenes Lernen oder das Verstehen der SchülerInnen auf einen späteren Zeitpunkt. All diese Sachen erscheinen uns nicht so dringend, obwohl sie möglicherweise sehr wichtig sind. Aber die Kosten dieser Art von Krediten liegen ausserhalb der schmalen Perspektive des Tunnelblickes und vielleicht versperrt uns dieser Blick die Aussicht auf das Wesentliche.


Orientierung gewinnen Lehrpersonen als professionelle Akteure im pädagogischen Umfeld stehen in Zusammenhang mit der Steigerungslogik und der Zeitknappheit vor grossen Herausforderungen. Gerade in diesem Umfeld sind die Folgen der Optimierungseffizient deutlich sicht- und spürbar und es lohnt sich als Schule/Team/Lehrperson die Dimension der folgenden Fragen zu verstehen und Antworten darauf zu finden:


  • Wie gehen wir/ich damit um, dass pädagogisches Wissen schnell veraltet und dessen stabilisierender Einfluss auf alltägliches Handeln kürzer wird?

  • Was bedeutet es für uns/mich, dass Methoden und Ziele im Fokus fortlaufender Verbesserungsprozesse stehen und wie reagieren wir/ich darauf?

  • Zu welchen Konditionen vergebe ich oder nehme ich Zeitkredite? Gibt es ein Kostentransparenz?

  • Kann ich Wichtigkeit von Dringlichkeit unterscheiden?

  • Wo und wie zeigt sich der Einfluss von Zeitknappheit in meiner Unterrichtsplanung?

  • Wie viel Zeitreserve ist in meinem Schulalltag, in meiner Unterrichtsplanung eingebaut.

  • Welche Entscheidung haben ich/wir unter Bedingungen von Zeitknappheit gefällt und was hatten sie für Auswirkungen auf Schule, Lehrpersonen und Lernende?

  • Wie tragen wir als Schule/Team und was trage ich als Person dazu bei, dass Schule trotz Zeitknappheit nicht zur Entfremdungszone wird?






Literatur

Richard Sennet (1998): Der flexible Mensch. die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin Verlag.

Kathrin Berdelmann (2010): Operieren mit zeit. Empirie und Theorie von Zeitstrukturen in Lehr-Lernprozessen. Ferdinand Schönling.

Sendhil Mullainathan /Eldar Shafir (2013): Die Kunst der Knappheit. Campus Verlag.

Helga Nowotny (2016): Eigenzeit.Revisited. In: Bernd Scherer (Hrsg.): Die Zeit der Algorithmen. Matthes & Seitz.


Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: "die neue schulpraxis", Heft 6/7, Juni/Juli 2019


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