• Thomas Marti

„Being connected“ vs. „being productive“*



Wir leben in einer neuen Welt. Das neue Normal liess uns früher die Haare zu Berge stehen. Es hätte nicht eine Pandemie sein müssen, aber sie ist nun mal da und ihre Kopien warten darauf uns herauszufordern. Das Ganze, die Krise kam relativ schnell und schnell mussten auch Schulen ihren Unterricht aus der Ferne einrichten und Manager und Führungspersonen mussten null Komma plötzlich Präsenzprozesse virtuell abbilden. Im Bildungsbereich musste man sehr schnell einen gewissen Kontrollverlust konstatieren und in Unternehmen steht sehr schnell die Frage im Mittelpunkt: Tut er oder sie zu Hause überhaupt etwas?


Weil die zeit ein knappes Gut ist haben, liegt es nahe, dass Führungspersonen reale Präsenzzeit in virtuelle Präsenzzeit umwandelten. Man wechselte vom Meeting vor Ort in den virtuellen Meetingraum und vom realen Klassenzimmer ist virtuelle Klassenzimmer. So ändert sich doch vieles, obwohl das meiste beim Alten bleibt. 


Beim ganzen Hype um Online-Video-Meetings wird dabei unter den Tisch gekehrt, dass es Führungspersonen damit gut gelungen ist, die Kontrolle (Fassen sie kurz zusammen, was sie getan haben…) über die MitarbeiterInnen wieder zu gewinnen oder aufrecht zu erhalten und auch die "temporal governance" der alten Strukturen können gerettet werden.

Viele haben dabei das Gefühl, den Sprung in die digitale Welt geschafft zu haben. Aber vielleicht ist es nicht mehr als das, was Richard Sennett „mehrdeutige Seitwärtsbewegungen“ nennt. Dies sind Veränderungen, die einem das Gefühl geben aufzusteigen, obwohl man sich bestenfalls seitwärts bewegt.


Und das, was auf der Strecke bleibt, beschrieb Ralf Dahrendorf bereits 2009:

„Ein neues Verhältnis zur Zeit in Wirtschaft und Gesellschaft ist der zentrale Mentalitätswandel, der aus der Krise hervorgehen könnte“
-Ralf Dahrendorf. Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Ethik? 2009.

Gerade jetzt in der Krise und in der ersten Phase danach, die sich durch viel Innovationsspielraum, loslassen und kreieren auszeichnen, bieten sich Freiräume, um Synchronisationskrisen zu entschärfen oder zu verhindern und die Spannung zwischen Lebenszeit, Echtzeit und einem sich zersetzenden kollektiven Zeitrhythmus zu lösen. Ich spreche von einer neuen temporal governance.

„Was fehlt, sind gut funktionierende Zeittransformatoren, also institutionelle und gesellschaftliche Vorkehrungen und Regelsysteme, die eine Integration und Angleichung der verschiedenen Zeithorizonte und Geschwindigkeiten ermöglichen.
-Helga Nowotny. Eigenzeit.Revisited

Jetzt ist eine gute Gelegenheit, um Arbeits- und Kommunikationsabläufe zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

„Much like Slack, Zoom makes real-time communication so easy and accessible, it's tempting to make it our default. But just because it's easy, doesn't mean it's helping us get our work done.“
-Nuclino, Blogbeitrag*

Digitale Konnektivtät hat wenig damit zu tun, dass Sachen gemacht werden. „Being connected“ ist eine Option, aber keine Notwendigkeit für das „being productive“.



* https://blog.nuclino.com/zoom-is-not-the-problem-our-meeting-centric-workflow-is


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