complexify your school!



Wir befinden uns in einer multikausalen Krisensituation. Sei es die ökologische Krise, die Demokratiekrise, die Finanzkrise, Psychokrise, die Corona-Krise oder aktuell die weltpolitische Krise. Diese Krisenballung hat uns alle vor grosse Herausforderungen gestellt und wird uns deren Weitere vorsetzen.

Insbesondere die Schule als Institution gerät in den Fokus von allerlei Begehrlichkeiten. Populäre Kritik an der Schule ist weit verbreitet und Forderungen nach einer Bildungsrevolution, einem Umdenken, einem neuen Mindset, nach Verantwortung, Selbstbestimmung und Anschlussfähigkeit, nach neuem Lernen und nach Fitness für die Zukunft gehören zur Tagesordnung.

Die unterkomplexe Darstellung einer komplexen Institution bezeichnet Roland Reichenbach trefflich als „noblen Rousseauismus“. Komplexitätsreduktuion ist deshalb keine gute Lösung, um den Stapel von Krisen im Übergang zu einem neuen Gesellschaftsmodel anzupacken.


Im Gegenteil: Wenn wir die Konsumenten, Bürger:innen, Talente und Entscheidungsträger:innen von morgen begeistern und bilden wollen, tun wir gut daran, die Komplexität zu steigern: complexify your school.

„Complexify your school“ bedeutet eine Neue konstruktive Zone zu leben, die nicht auf einer bestimmten Methode oder einem festgeschriebenen Prinzip basiert. Complexify your school steht für eine gelebte Praxis und Erfahrung.

Die Praxis des „complexify your school“ ist eine schwache Position im Vergleich zu strengen Prinzipien, Pauschalisierenden und Ideologien. „Complexify your school“ zu leben bedeutet demnach ein existentielles Risiko: jeder kennt die Widersprüchlichkeit von komplexer Realität. Seit dem Höhlengleichnis von Platon wissen wir, dass Bildung ihren Preis hat!

Das bedeutet mitunter zu erkennen, dass der naturwissenschaftlich-technologische Fortschritt gleichberechtigt einhergehen muss mit einem ethisch-moralischen Fortschritt. Günther Anders hat dies bereits im letzten Jahrhundert klar gesehen und

treffend formuliert, indem er für die Weltsituation diagnostizierte: „Die drei Hauptthesen: dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen(...)“.

Dies verlangt meiner Ansicht nach auf schulischer Ebene eine gleichberechtigte Ergänzung der MINT-Bemühungen mit ethisch-moralischen Perspektiven, aus denen moralischer Fortschritt entsteht. Aber dieser moralische Fortschritt entsteht nicht automatisch und auch nicht als Folge von technologischem Fortschritt und Innovation.

Wir brauchen ein radikales Überdenken unseres „Tierseins“ wie es der Philosoph Markus Gabriel nennt, also des Verhältnisses zwischen Mensch, Natur, Tier und Umwelt. Schulen, pädagogische Hochschulen, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler müssen die grundlegenden naturphilosophischen Fragen und damit auch ethische Fragen beantworten und das hat nichts mit dem Vermitteln von Wissen zu tun. Das gesellschaftliche Konzept des alltäglichen Handeln ist entsprechend daran auszurichten. Tun wir das nicht, ändern wir nichts.

Complexify your school: Die Aufgabe von Schulen als Schnittmenge von Bildung und Ausbildung besteht demnach darin, die Komplexität zu steigern und mehr als eine Argumentationslinie einzubeziehen. Nur so bringen wir Licht in Systeme der Verdunkelung und ermöglichen ethisch-moralischen Fortschritt.




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