• Thomas Marti

Wahre Autonomie und Ware Autonomie: Die Neu- oder Wiedergewinnung von Autonomie.



Das Projekt der Moderne ist weitgehend der Idee von Autonomie verknüpft und dieses Projekt ist gescheitert. Trotzdem ist der Begriffe in aller Munde.

Autonomie der klassischen Moderne

Autonomie im Sinne ethischer Selbstbestimmung soll frei sein von Autoritäten, die nicht unterer unser Kontrolle sind. Wie wir unser Leben leben, soll auch frei sein von politischen und religiösen Zwängen. Soziale Ordnungen sollten unseren Platz in der Welt, in der Familie und dem Berufsleben nicht im Voraus festlegen. Wenn unser Leben selbstbestimmt sein soll, müssen wir uns von allen auferlegten Einschränkungen befreien. Um dies zu erreichen, nehmen wir die Hilfe der modernen Wissenschaft, Technologie, Bildung und Wirtschaft in Anspruch.

Autonomie in Sinne der klassischen Moderne beinhaltet das Versprechen, das eigene Leben und die eigenen Ziele so weit als möglich unabhängig von äusserem Druck und Einschränkungen zu gestalten so ist es auch das Versprechen, „dass die Gestalt unseres Lebens das Ergebnis kultureller, philosophischer, sozialer, ökologischer und religiöser Überzeugungen und Bestrebungen ist und nicht blinder natürlicher, sozialer und ökonomischer Einflüsse“.

Wie Zeit und Markt ist auch der Begriff Autonomie ein soziales Konstrukt und entsprechend keine natur- oder gottgegebene Tatsache. Deshalb ist Autonomie auch ein politischer Begriff, der demokratischen Entscheidungsprozessen offen ist.

Steigende kinetische Energie

Das Versprechen der Moderne gewann seine Attraktivität aus der, wie es der Soziologe Hartmut Rosa nennt, „steigenden kinetischen Energie der Gesellschaft“ oder anders ausgedrückt: aus dem beschleunigten sozialen Wandel. Bis spät ins 20. Jahrhundert konnte der Traum aufrechterhalten werden, dass das Versprechen auf Autonomie mit einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftssystem eingelöst werden kann.

Dieses Versprechen der Moderne hat seine Glaubwürdigkeit eingebüsst. Die meisten Menschen werden an einer autonomen und selbstbestimmten Lebensführung durch „die Macht heteronomer Arbeitsbedingungen“ gehindert. Wie es Rosa vortrefflich ausführt, haben weder Angestellte noch Manager Kontrolle über die Regeln des Spiels. Wer erfolgreich ist, hat nur besser als andere gelernt, das Spiel zu spielen. Es zeigt sich heute, dass die oben erwähnte steigende kinetische Energie von Gesellschaft mächtiger ist als das Projekt der Moderne. Die Eskalationslogik der heutigen Gesellschaft ist nicht mehr die Grundlage für die Realisierung von Lebensplänen der Individuen, sondern die Lebenspläne der Menschen werden dazu verwendet, die Eskalationslogik aufrechtzuerhalten. Autonomie im Sinne eines Festhaltens an eigenen Lebensplänen, auch gegen äussere Umstände, ist heute anachronistisch. In der spätmodernen Logik heisst Autonomie erfolgreiches Wellenreiten. Fit für die Zukunft zu werden und zu bleiben bedeutet, die „grossen Wellen“ zu erkennen. Erfolgreiche Menschen reiten die guten Wellen solange wie möglich und so lange bis sie auf eine erfolgreichere springen. Erfolg versprechende Begriffe wie Kreativität und Leidenschaft dienen dem Wellenreiter nicht zur autonomen Selbstbestimmung, sondern sie steigern die individuelle Konkurrenzfähigkeit. Auch politische Autonomie ist nur noch ein Schatten Ihrer selbst. Das politische Versprechen Gesellschaft nach demokratisch bestimmten kulturellen und sozialen Zielen zu verbessern ist dem Ziel gewichen, Gesellschaft konkurrenzfähig zu machen.

Neugewinnung des Begriffs Autonomie

Um ein gutes und gelingendes Leben aller Menschen im 21. Jahrhundert zu erreichen bedarf es einer Wieder- oder Neugewinnung des Begriffs Autonomie. Wahre Autonomie, mit der Möglichkeit die Regeln des Spiels zu thematischeren muss von der Ware Autonomie, die jedes Produkt heute anbietet und die das Versprechen beinhaltet, das Spiel Effizienz und gewinnbringend zu spielen, unterscheiden werden. Solange wir im Alltag das Gefühl haben, dass wir so handeln mussten, obwohl wir an den Zielen zweifeln und eigentlich auch anders hätten handeln können, solange werden wir individuell wie auch kollektiv die eigentlichen Ziele aus den Augen verlieren. Rosa beschreibt dies „als vages Gefühl der Fremdbestimmung ohne Unterdrücker“. Wer kennt dieses Gefühl nicht?

Der Fact aber, dass Menschen weiterhin einem Begriff von Autonomie verpflichtet sind, der von den „strukturellen Bedingungen ihres Handelns systematisch unterlaufen“ wird, führt im Alltag moderner Menschen zu sozialer Entfremdung. Auch das kennen viele!

Autonomie ist wahrscheinlich, wie auch Würde und Demokratie, keine ein für alle mal institutionalsierbares Verfahren, sondern eine Haltung die geübt und trainiert werden will.

Alle Zitate aus:

Hartmut Rosa (2014): Beschleunigung und Entfremdung, Suhrkamp

#Autonomie #Würde #Haltung

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