• Thomas Marti

Zeitliche Normen, Innovation und Lehrplan



Vollkommen frei versus exzessiv synchronisiert

Der Aufwand alle wichtigen Bereiche in Handlungen einzubeziehen wird in modernen Gesellschaften immer grösser und die Zeitspanne zur Synchronisation aller Informationen wird tendenziell immer kürzer. Die Anzahl wechselseitiger Abhängigkeiten nehmen massiv zu.

Damit diese Abhängigkeitsketten geschlossen werden können braucht es lenkende soziale und ethische Normen; es braucht einen Kompass.

Gleichzeitig mit dem Anwachsen des Synchronisationsaufwandes fühlen sich aber moderne Gesellschaften, Institutionen und Individuen durch Individualisierung, Liberalisierung und Pluralisierung ethisch und moralisch befreit. Wir sind völlig frei in der Gestaltung unseres Lebensentwurfes. Niemand schreibt uns vor, wie wir zu leben haben.

Externe Forderungen

Dieser faktische Widerspruch wird aufgelöst durch eine Externalisierung der Rechtfertigung von Handlungen. Der Alltag wird durch eine „Rhetorik des Müssen“, d.h. durch externe Forderungen strukturiert.

Ich muss jetzt arbeiten. Ich muss jetzt gehen. Ich muss diese Mails schreiben. Ich muss lernen. Ich muss die Software aktualisieren. Ich muss wieder einmal etwas mit der Familie unternehmen. Ich muss etwas für meine Gesundheit tun. Ich muss ein neues Handy kaufen. Ich muss wieder einmal ins Theater gehen. Ich muss wieder mehr Zeit für mich haben. Wir müssen nächstes Jahr mehr Gewinn machen. Wir müssen noch innovativer sein und wir müssen noch mehr wachsen. Wir müssen noch effizientere Prozesse haben. Wir müssen noch konsequenter auf den Erfolg hinarbeiten. Wir müssen ein neues Produkt auf den Markt bringen.

Zeitliche Normen

Moderne Gesellschaften und Institutionen decken ihren Bedarf an Regulierung und Synchronisation durch die rigide Implementation von zeitlichen Normen. Zeitliche Normen erscheinen heute als gegeben und als Naturgesetzte. Es gibt keine moralische oder zeitliche Debatte über die Imperative zeitlicher Normen.

Es wird deshalb wichtig, Zeitstrukturen moderner Gesellschaften zu verstehen; denn sie verbinden unsere Handlungen und Entwicklungen mit dem modernen Kapitalismus. Zeitstrukturen bestimmen unsere Beziehungen zu anderen Menschen, zur Natur, zum Unternehmen, zur Schule, zu uns selbst und zu neuen Ideen.

Unternehmen, Institutionen und insbesondere neue Idee brauchen einen ethischen, moralischen und wissenschaftlichen Zeitkompass.

Kreatives Potenzial von Unternehmen und Schule

Fehlt ein solcher Kompass, werden Innovation zu unausgereiften Innovatiönchen und technische Entwicklungen zu ferngesteuerten Kühlschränken, wird Verstehen zu Lernen und Bildung ein lehrplanorientierter Ablaufprozess, nehmen Prozesse der Entfremdung wie Stress, Burn-out, Zynismus und Sinnkrisen weiter zu.

Nur wenn wir Einfluss nehmen auf die zeitlichen Imperative kann eine Gesellschaft, kann ein Unternehmen und kann Schule ihr kreatives Potential für Entwicklung und neue Ideen aufrechterhalten. Es braucht dazu aber Zeit-Räume für Spielereien, Langeweile, Müssiggang und nutzenfreie Zeitverwendung.

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