• Thomas Marti

Zeitbildung zum WEF in Davos 2017



In Davos läuft das WEF 2017. Um von Davos Platz nach Davos Dorf zu gelangen habe ich ganze 40 Minuten gebraucht. Die Talstasse is vollkommen überlastet: Kolonnen von dunklen, grossen Limousinen deutscher Provenienz schlängeln sich durch die schmalen Strassen. Viele Geschäfte und Restaurants sind für diese Woche vermietet. Das alte Mobiliar wurde mit dem Mobiliar des neuen Mieters ersetzt. Irgendwie fühlt sich die ganze Sache befremdlich an. Während ich in der Schlange für ein Ticket zu einer Veranstaltung des Open Forum geduldig warte, kommt mir der Beitrag des Ökonomen Guy Standing zum WEF 2017 in den Sinn. Er macht darin auf die fünf grössten Lügen des Kapitalismus aufmerksam und beschreibt das heutige System als „rentier capitalism“. Standing schreibt:

„Corporations and financiers have used their growing influence to induce governments and international organizations to construct a global framework of institutions and regulations that enable elites to maximize their rental income.“

Wie wahr. Die lokalen Eliten nutzen das System und das WEF um ihr Einkommen zu maximieren. Wer das nicht kann hat das Nachsehen und muss mit allen Nachteilen einer solchen Veranstaltung leben: Eingeschränkte Bewegungsfreiheit, eingeschränktes Konsumangebot, lange Wartezeiten, schlechte Luftqualität, etc.

Standing postuliert in der Folge von Globalisierung die Bildung einer neuen globalen Klasse, die er das Prekariat nennt. Das Prekariat zeichnet sich einerseits durch eine unsichere Beschäftigungs- und Einkommenssituation aus. Aus meiner Sicht interessant ist eine anderer Aspekt des Prekariats. Standing schreibt:

„But more significantly, the precariat has no occupational identity or narrative to give to their lives. This creates existential insecurity, and goes with the fact that for the first time in history many people have education above the level of labour they can expect to obtain. (…) It leads to what I call the “precariatized” mind, a feeling of being out of control of time.“

Das Zitat beschreibt genau, das was der Soziologe Richard Sennett mit dem Begriff der Drift beschreibt, einer Lebenserfahrung des „ziellosen inneren Dahertreibens“. Im Prekariat lebende Menschen sind dann nicht mehr die Autoren ihrer eigenen Lebensgeschichte, sie befinden sich sinnbildlich in einem Wellental und werden von den Wellen hin und her geworfen. Diesen Zustand kann man auch einen Zustand der Entfremdung nennen. Der einzelne Mensch und die Welt stehen sich in dieser Situation feindlich gegenüber. Rachel Jeaeggi beschreibt diese Weltbeziehung als „Beziehung der Beziehungslosigkeit“. Die „Rentiers“ auf der anderen Seite entsprechen dem Bild des Surfers, der auf dem Wellenkamm jeder geeigneten Welle reitet. Standing weist in einer Veranstaltung hier in Davos auch darauf hin, dass diese Rentiers mit ihrem Gefolge jährlich in Davos anzutreffen sind. Der Fact, dass Standing am WEF prominent auftreten kann zeigt, dass die Welt sich in einer Situation befindet, die überdacht werden muss.

Hier doch noch die fünf Lügen des Kapitalismus nach Guy Standing, die genug Potenzial haben, im globalen strukturbedingten Beschleunigungsprozess kurz innezuhalten:

1. Kapitalismus basiert auf freien Märkten.

2. Der Kapitalismus braucht starke Rechte an geistigem Eigentum um teure Forschung und Entwicklung abzusichern.

3. Starke Eigentumsrechte schaffen Wachstum.

4. Gewinne sind abhängig von gutem Management und Risikobereitschaft.

5. Arbeit ist der beste Weg aus der Armut.

Hinweise:

Guy Standing: Meet the precariat, the new global class fuelling the rise of populism.

Guy Standing:The 5 biggest lies of global capitalism.

Richard Sennett. Der flexible Mensch.

Rachel Jaeggi. Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems.

#WEF #Prekariat #GuyStanding #Drift #Rentiers

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