• Thomas Marti

Die Zeit soll fließen, nicht drängen



(Dieser Text ist erstmals erschienen auf www.geistundgegenwart.de)

Sind wir nicht alle wie Migranten auf der Flucht?

Was könnte der Mensch jenseits der Geburt, des Konsums, der Effizienz und des Selbstverkäufertums sein? Was könnte er sein, jenseits der Maxime, dass Leistung und Performanz ihm einen Platz auf dieser Welt zuweisen? Und was könnte das Wirtschaften jenseits von Indentitätsmarketing sein? Ich stelle mir diese Fragen als unsichtbare und verstellbare Wände von Räumen vor, in denen Denken Weiterdenken bedeutet. Weiterdenken in diesem Sinne könnte bedeuten, dass wir Brücken zwischen dem Unverfügbaren und dem Unvorhersehbaren bauen. Erst dann sind wir unterwegs!

Wohlfühlen, wo wir nicht hingehören

Erst wenn wir uns auch da niederlassen und wohlfühlen können, wo wir nicht hingehören, wenn wir uns gelöst haben von Flucht und Migration, können wir Passanten in dieser einen und endlichen Welt sein. Erst in den Räumen der eingangs genannten Fragen wird ein Änderungsprozess zu einem echten Unterwegsein. Das könnte bedeuten, sich von den Sitzplätzen einer "Guided-Tour" zu erheben und sich von so immunisierten Fragen zu lösen wie "Was brauche ich, um mich entwickeln zu können?" "Wozu brauche ich das?" "Wie bediene ich das?" "Mit wem vernetzte ich mich?"

Ein gutes und gedeihendes Leben zu führen, könnte bedeuten, ein Leben im Sinne einer "Ethik des Gleichmutes" zu führen. Dieses Leben wäre geprägt von der Würde als Muster des Handelns und Tuns. Eine solche Ethik widerspricht dem Gedanken der Migration und setzt ihr Resonanz als Beziehungsmodus entgegen.

Selbst- und Identitätsverkäufer

Nicht Flucht kann die Antwort darauf sein, dass uns im wahrsten Sinne des Wortes "der Boden unter den Füßen wegsackt", wie es Bruno Latour in seinem terrestrischen Manifest beschreibt. Auch der Markt mit seinen Selbst- und Identitätsverkäufern taugt als alleinige Grundlage nicht zur Lösung der Probleme im Jetzt. Die Menschen brauchen festen und begehbaren Boden unter den Füßen. Haben sie den nicht, können sie nicht unterwegs sein und dann werden sie zu Migranten und Flüchtigen. Unterwegsein zeichnet sich dadurch aus, dass die Zeit fließt und nicht drängt.

Zeitbildung gestalten und nicht dem Zeitdrängen zu unterliegen

Auf der Flucht sein ist nicht anderes, als der Raum, in dem man versucht vor etwas wegzurennen und gleichzeitig auf etwas zurennt, das man nur schwerlich erreichen kann. Das Drängen der Zeit unserer Zeit könnte man mit Günter Anders auch als "Dasein im Modus des Nichthabens" beschreiben. Wir sind demnach bedürftige Wesen, weil wir dasjenige, das wir wirklich bräuchten, nicht haben und weil wir "genötigt sind, das Nötige uns zu beschaffen" (Günter Anders). Solcherart die Zeitbildung zu gestalten, führt unweigerlich dazu, dass wir das Gefühl haben: Irgendetwas stimmt nicht! Und es führt zu "turbulenten Zeiten, in denen das, was man hat, oft kaum dem entspricht, was man ist, und das, was man gewinnt, nur in einem entfernten Zusammenhang mit dem steht, was man verliert", wie Achille Mbembe in Politik der Feindschaft diagnostiziert.

Sauve qui peut. Rette sich wer kann!

Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich ihre Lage trotz maximaler Effizienz und Produktivität nicht ändert, während diejenigen auf der Sonnenseite sich alles leisten können. Angereichert mit der Haltung, dass jeder seinen Erfolg in den eigenen Händen hält, entsteht so etwas, das Lisa Herzog das "Rette-sich-wer-kann-Gefühl" nennt. Wer momentan erfolgreich ist, hat dies auch verdient, die anderen sind selber schuld. Was man gefühlt verdient, teilt man nicht gerne und was einem vorenthalten wird, holt man sich irgendwie. Und wenn ich es nicht tue, dann tut’s ein anderer!

Vermehrung der Gesichtspunkte

Unterwegs sein bedeutet hingegen, dass die Zeit fliesst; genau jetzt bildet sich neue Zeit und genau in diesem Jetzt können wir unseren freien Willen gebrauchen. Es ist aber nicht jene Zeit, die in der Flucht vor dem Status quo entsteht, nicht jene Zeit einer einzigen Sichtweise, die uns dazu führt unseren freien Willen einzusetzen. Das, was ich meine, ist jene Zeit der Zeitlosigkeit, die dem Gleichmut oder den Momenten von Resonanzerfahrungen entspringt, in denen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart eins werden. Ich meine jene Zeit, die unter Globalisierung versteht,

"dass man die Gesichtspunkte vermehrt, dass man eine größere Mannigfaltigkeit erfasst, eine größere Zahl von Wesen, Kulturen, Phänomenen, Organismen und Menschen in Betracht zieht." (Latour, S.19.)

Wenn wir zum Unterwegssein festen Boden unter den Füssen brauchen, so brauchen wir auch um weiterzudenken eine Zeit des festen Bodens unter unseren Gedanken. Die Denkfiguren der Würde und der Resonanz könnten einen solchen Untergrund darstellen, auf dem ein gedankliches Unterwegsein im Sinne des Gleichmutes möglich ist; denn Menschen brauchen zum Unterwegsein einerseits eine gewisse gedankliche Stabilität und Festigkeit und andererseits eine Offenheit für das Unvorhersehbare und das Unverfügbare, um mutig voran zu schreiten.

Die Ethik des Gleichmutes macht Menschen zu Passanten und verhindert, dass wir Drifter werden, deren Lebenspraxis sich durch "eine Erfahrung, die in der Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet" auszeichnet, wie Richard Sennet das beschreibt. Passanten sollten von Gleichmut geleitet werden, denn nur "demjenigen, der sich in der Gegenwart des ihm Nötigen befindet […], schlägt keine Stunde", um noch einmal Günther Anders zu zitieren.

Quellen:

Bruno Latour: Das terrestrische Manifest. Suhrkamp. 2018

Achille Mbembe: Politik der Feindschaft. Suhrkamp. 2017

Lisa Herzog: Freiheit gehört nicht nur den Reichen. C.H.Beck. 2013.

Richard A. Muller: Jetzt. Die Physik der Zeit. S.Fischer. 2018.

Richard Sennett: Der Flexibel Mensch. Berlin Verlag. 1998.

Günter Anders: Die Antiquiertheit von Raum und Zeit. C.H.Beck. 1986.

Peter Bieri: Eine Art zu leben. Hanser. 2013

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