Eine Stunde Zeit!
Peter Bichsel unterscheidet in seinem Text „Eisenbahnfahren“ zwischen Dauer und Distanz. Legen wir den Fokus auf die Distanz, so müssen wir ein Ziel erreichen und es gibt allenthalben Möglichkeiten, damit man dieses Ziel schneller, besser oder gar effizienter erreicht. Liegt das Ziel allerdings am anderen Ende einer Dauer, so können wir Ziele nicht erreichen, sondern wir müssen sie erwarten.  Bichsel nennt dieses „Erwarten“ die einzige Möglichkeit Zeit zu gewinnen.
 

„(…) denn die Kunst des Eisenbahnfahrens ist die Kunst des Wartens, und darin liegt der eigentliche Zeitgewinn, dass man Zürich nicht zu erreichen hat, sondern zu erwarten.“ (Peter Bichsel, Eisenbahnfahren)

 
Wenn wachstumsgetriebene Lebensentwürfe in Entfremdungserfahrungen stecken bleiben, steigt die Sehnsucht nach Orten fern von Beton, virtueller Realität, Verkehrs-chaos, Sinn und Zeitknappheit.
 
„Ein Stunde Zeit" soll genau eine solcher Ort sein, der Versuch einer gemeinsamen Passage mit der Dauer von einer Stunde sein. Der Versuch, herauszufinden, was die Zeit mit uns macht, wenn wir sie als Dauer interpretieren. „Eine Stunde Zeit“ verstehe ich als Experiment, frei von virtueller Konnektivität die Rückeroberung des Jetzt zu versuchen. Es soll der Versuch sein, eine Stunde zu erwarten ohne die allmächtige Erwartung die Ressource Zeit unentwegt zu bearbeiten und sich selbst zu konstituieren. 
 
Vielleicht gelingt der Versuch, die Verfügbarkeit einer Stunde Zeit von der Maxime zu trennen, diese Stunde auch zu verwerten. Und vielleicht entsteht in dieser Dauer ein Resonanzraum und vielleicht gar eine Aha-Erfahrung; denn bekanntlich entsteht Resonanz nur, wenn Zeiträume von Dauer sind.
 
Gelingt es gar, eine Dauer von einer Stunde als Raum zu kultivieren der neue Gedanken zulässt und sie nicht sofort den alltäglichen Zwängen opfert? Eine Stunde Zeit soll eine Dauer sein, die Rücksicht auf die Eigenzeit eigener Gedanken nimmt, eine Dauer mit dem nötigen Abstand zur Normalität, der neue Gedanken vor der sofortigen Umsetzung schützt!
 
Im Sinne Nietzsches geht es darum, eine Stunde das „beschauliche Element“ zu stärken.
 
„Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“ (Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches)
Ein Stunde Zeit…
  • ist eine ZwischenZeit von Dauer, die wichtige Erfahrungen, Gedanken und vielleicht Resonanzerfahrungen erlaubt.
  • ist ein undurchschaubarer Innovationsprozess.
  • ermöglich das Auftanken des Geistes.
  • ist die (Wieder) Entdeckung der Kulturtechnik Nichttun.
  • : Viel gewinnen und wenig verlieren
  • hebt den Verwertungszwang der Zeit auf.
  • ist kultivierte Lebenszeit.
  • ist durch gezieltes Nichttun die Grundlage des effektiven Arbeitens und von Lebensqualität.
  • offeriert die Möglichkeit einer zeitphilosophischen Meditation.
  • erlaubt vielleicht Erkenntnisse über das zukünftige Nicht oder Anderstun.
Zürich: 17.04.2020 / Zeit: 17:00 Uhr / Kosten: Fr.50.- pro Person
Davos: 16.05.2020 / Zeit: 10:00 Uhr / Kosten: Fr.50.- pro Person
Infos & Buchen
info@zeitbildung.ch oder 076 457 28 47
ZeitBildungsnews

© 2019 Thomas Marti I Zeitbildung I Davos Platz